Spanien: Sozialistischer Bürgermeister befürwortet Stierhatz in Tordesillas

Stierkampf_Lanzenjagt

Heute findet in Tordesillas ein historischer Stierkampf statt. Der sozialistische Bürgermeister José Antonio González Poncela hat das Toro-de-la-Vega-Turnier genehmigt und Vorkehrungen für die angekündigten Tierschützer getroffen.

Tordesillas liegt in der spanischen Provinz Valladolid der autonomen Region Kastilien-León am steilen Ufer des Duero. Die spanische Stadt ist seit 1493 verewigt in den Geschichtsbüchern, als Verhandlungsort der Aufteilung der Neuen Welt und der Grenzziehung zwischen Spanien und Portugal. Im Jahre 1355 veranstaltete Peter I. anlässlich der Geburt seiner Tochter Isabel zum ersten Mal das Turnier des Toro de la Vega (Stier der Flussaue). Das Turnier hat im Laufe der Geschichte immense touristische Dimensionen erreicht und ist seit 1980 zu einer Fiesta (Volksfest) erklärt worden. Heute am 15. September findet das Turnier statt, bei dem der Stier von der Bevölkerung durch die Straßen auf die Felder mit Lanzen gejagt und getötet wird.

Es sind keine ausgebildeten Matadore, sondern normale Männer. Amateure, die ihre Lanzen voller Erwartung spitzen und den Stier durch die Straßen Tordesillas auf die Wiesen treiben. Keine Arena, kein rotes Tuch, keine traditionellen Trachten. Der 640 Kilo schwere zum Tode geweihte Stier, Rompesuelas (Sohlenbrecher), wurde zu einem Schätzpreis von 6000 Euro eingekauft. Auf dem offenen Feld erwarten ihn Männer, die ihm zu Fuß oder auf dem Pferd mit ihren Lanzen nach dem Leben trachten. Ein unzeremonielles Erstechen, welches sogar von Freunden des Stierkampfes nicht mehr als kulturell, elegant, sportlich oder gar als tapfer bezeichnet werden kann. Wer den Stier erlegt, hat das Recht seine Hoden auf seiner Lanze zu trapppieren und durch die Straßen zu tragen.

Schon lange ist die martialische Fiesta des Toro de la Vega von Tierschützern umstritten. Der Stier erleidet bei dem blutrünstigen Spektakel einen ethisch nicht zu rechtfertigen, langsamen, qualvollen Tod. Letztes Wochenende rief die Organisation Pacma (Partei gegen die Tierquälerei) zu einer Demonstration an der Madrider Puerta del Sol auf. Tausende Demonstranten folgten ihrem Ruf und bestritten den größten Protest in der Geschichte des Turniers des Toro de la Vega. 120.000 Unterschriften erreichten den Bürgermeister und die Sympathisantengruppe Gladiadores por la paz (Gladiatoren des Friedens) übergab im Vatikan einen Brief an den Papst. Die linkspopulistische Partei Podemos hat zu einem Boykott mit Zeltlager aufgerufen. Mehr als 120 Polizisten sollen Demonstrationen und Aktivitäten von Tierschützern Einhalt gebieten.

Zugleich versammelten sich aber auch mehrere Tausend Anhänger des Turniers in Valladolid, zu dessen Provinz Tordesillas gehört. Zum ersten Mal haben die Festorganisatoren einen “Internationalen Kongress des Toro de la Vega” veranstaltet. Sie wollen sich wehren gegen die „schweren Beleidigungen, Drohungen und gewalttätigen Ausdrücke der Missachtung des menschlichen Lebens“. Hintergründig steht die Morddrohung des Bürgermeisters José Antonio González Poncela, dessen Kopf via Fotomontage in ein Fadenkreuz genommen wurde.

Paradox ist in diesem Jahr, dass der Bürgermeister nicht der konservativen Partei, die den Stierkampf als Kulturerbe ansieht, sondern der sozialistischen Arbeiterpartei angehört und die Hetzjagd befürwortet. Seinem neuen Generalsekretär Pedro Sánchez ist das Spektakel peinlich und unzeitgemäß, er möchte nicht daran teilnehmen. Poncela schiebt für die Veranstaltung den Willen der Bevölkerung vor. Bei so viel Protest ist diese Begründung jedoch fragwürdig.

Der Stierkampf ist indes nicht nur eine ethische, sondern auch zu einer politischen Auseinandersetzung geworden. Die katalanischen Nationalisten haben die Fiesta schon vor fünf Jahren abgeschafft. Im baskischen San Sebastián wurde durch einen Wechsel im Rathaus der Stierkampf von Altkönig Juan Carlos wieder eingeführt. Allgemein ist in der politischen Landschaft nicht mehr viel Platz für diese blutrünstige Tradition. Seit den Regional- und Kommunalwahlen im Mai, bei denen viele linksorientierte Koalitionen rund um Podemos an die Macht kamen, erklärten sich viele spanische Städte zur Stierkampf freien Zone oder kündigten diesbezüglich Volksabstimmungen an.

Die Parlamentswahlen im Dezember könnten eine große Entwicklung für den traditionellen Stierkampf auf der ganzen Welt darstellen. Ministerpräsident Mariano Rajoy hat bei der Unesco den Antrag gestellt, den Stierkampf zum Weltkulturerbe zu erklären. Falls es zu einem Regierungswechsel kommt, ist es aufgrund der Parteienaufstellung äußerst unwahrscheinlich, dass dieser Antrag von dem Nachfolger Rajoys unterstützt wird.